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Job-Memory oder die Angst vor der Orientierungslosigkeit

15. Juli 2015 -
Job-Memory oder die Angst vor der Orientierungslosigkeit

Lassen Sie mich Ihnen etwas unterstellen: Es gab einen Moment in Ihrem Leben, in dem Sie gedacht haben, dass Erwachsensein eine ziemlich doofe Erfindung ist. Manche von uns haben es realisiert als sie zum ersten Mal in der eigenen Wohnung standen und keine saubere Kleidung fanden, weil sie sich nicht von alleine wäscht. Andere haben während eines Jahres im Ausland lernen müssen, dass man vom anderen Ende der Welt aus schwierig seinen Vater herbeizitieren kann, wenn es Zoff mit der Gastfamilie gibt. Die meisten sind aber spätestens bei Abgabe der ersten Steuererklärung soweit, dass sie sich zurück an den heimischen Küchentisch wünschen, der immer wie auf magische Weise gedeckt war und nichts mit Kapitaleinkünften und Freibeträgen zu tun hatte.


So weit, so normal – ein generationsübergreifendes Phänomen mit individuellen Ausprägungen. Für den größten Teil der Generation Y manifestiert sich das „Erwachsenwerden“ aber erst so richtig nach dem erfolgreichen Hochschulabschluss. Während Schule und auch Universität (vor allem durch die Modularisierung und klaren Vorgaben der Bachelor- und Masterstudiengänge) immer noch einen doppelten Boden im Sinne grober Richtlinien und Pflichtveranstaltungen vorgaben, müssen nun eigene Ziele gesteckt werden. „Freiheit!“ schreien Babyboomer und Generation X frei nach Joachim Gauck und  Reinhard Mey. „Hilfe!“ schreit der Großteil der Millennials.


Das Memory der Möglichkeiten

Wer nicht gerade auf einer sehr praxisnahen Fachhochschule oder auf ein Lehramt studiert hat, sieht sich plötzlich mit einem Memory-Spiel aus Möglichkeiten konfrontiert. Mit welchem Job bilde ich das perfekte Pärchen? Was verbirgt sich hinter Job-Bezeichnung XY? Soll ich etwas ganze Neues aufdecken oder lieber ein Kärtchen wählen, das ich schon gesehen habe?


Viel schlimmer noch als die Qual der Wahl ist dabei die Angst vor der Orientierungslosigkeit, die ihre Opfer zu post-studentischen Nervenbündeln werden lässt. Immerhin gibt es bei jedem Memory-Spiel immer denjenigen, der sich einfach alles merken kann und dann die besten Pärchen abräumt. Vielleicht ist also auch auf dem Jobmarkt schon alles weg, wenn man zu lange überlegt. Auf gut Deutsch stellt sich dem pflichtbewussten Gen Y-ler die Frage: Habe ich versagt, wenn ich selbst nach 10 Semestern nicht weiß, ob ich lieber Product oder Project Manager werden will?


Jede Uhr tickt anders

Als frischgebackener Absolvent hat man das Gefühl Mensch ärgere dich nicht in der Theorie gelernt zu haben und Memory in der Praxis vorgesetzt zu bekommen, selbst wenn man bereits das ein oder andere Praktikum hinter sich hat. „Benutzen Sie hier gar keine Würfel? Aber in meiner Vorlesung XY hat mein Dozent immer betont…“ Und nein, das hat (leider) nichts mit Kompetenz zu tun, dieses Phänomen betrifft Top-Performer genauso wie Langzeitstudenten. Es liegt einfach daran, dass nicht nur die Arbeitswelt als solche anders tickt als die Uhren der meisten Universitäten, sondern auch an der Vielzahl von Unternehmenskulturen und -ansprüchen. Auf unser triviales Beispiel bezogen: Auch Tier- und Auto-Memory funktionieren vom Grundprinzip gleich, man muss sich aber auf neue Bilder einstellen und sich andere Dinge merken.


Dass diese Flut an Möglichkeiten, Spezialisierungen und individuellen Angeboten ein Geschenk an unsere Generation ist, fällt vielen schwer zu begreifen. Das liegt vor allem daran, dass in Stellenanzeigen und von den Medien sehr hohe Anforderungen kommuniziert werden. Es braucht viel Arbeit auf Seiten des Bewerbers, um durchzusteigen, was mit der eigenen Qualifikation möglich ist – und dann noch ein kleines Stückchen mehr Arbeit, um sich erfolgreich zu präsentieren. Wenn dann noch ein angeknackstes Selbstvertrauen und selbst auferlegter Zeitdruck hinzukommen, wird auch der fähigste Bewerber irgendwann unsicher. Und gerade die selbstkritischen Menschen sind es, die in der Lage sind, sich weiterzuentwickeln.


Ist das Ihr Problem als Arbeitgeber? Irgendwie schon und irgendwie auch nicht. Natürlich setzen sich in so einer Arbeitswelt nur diejenigen durch, die bereits während des gesamten Studiums nebenbei gejobbt haben oder besonders stressresistent sind. Das zahlt sich in vielen Berufen aus – in anderen Bereichen braucht es aber nicht unbedingt solche Anti-Stress-Monster und Selbstverkäufer. Und genau in diesen Positionen sollten Stellenanzeigen und Bewerberkommunikation so klar und ehrlich wie möglich sein.


Muss man als Absolvent wirklich schon viel Erfahrung in Unternehmens-Memory mitbringen, so wie es in Ihrer Stellenanzeige steht?  Oder reicht Ihnen vielleicht auch jemand, der exzellent in Mensch ärgere dich nicht ist und bereit ist, schnell zu lernen und mitzudenken?


Bildquelle: Marijus Auruskevicius/iStock/Thinkstock