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Warum viele Berufsanfänger Angst vor der Arbeit haben – aber nicht alle

15. Juli 2015 -
Warum viele Berufsanfänger Angst vor der Arbeit haben – aber nicht alle

Wenn man erst mal seinen Studentenausweis abgegeben hat, geht die harte wirkliche Realität los. Dann hat man keine Freizeit mehr und als einzige Freunde bleiben die Kollegen. Die eigene Persönlichkeit verändert sich bis nach einigen Jahren Berufserfahrung nur noch ein langweiliger Rest vom Ich übrig bleibt. Finden Sie nicht? Ich auch nicht, aber ein aktueller Artikel aus dem KarriereSPIEGEL macht deutlich, dass die Angst vor dem Berufsleben bei manchen doch tiefer sitzt als man glauben möchte. Dagegen sollten wir etwas tun.


Es ist immer wieder erstaunlich, wie es die Generation Y schafft, sich in der medialen Öffentlichkeit selbst zurück in die Klischeekiste zu stopfen. Keine Lust auf das Zusammenarbeiten mit der Elterngeneration, die sowieso nur Recht haben will, null Bock auf die Einschränkungen, die der Arbeitsalltag natürlicherweise mit sich bringt; wenn man sich den Artikel von Laura Höflinger zu Herzen nimmt, dann wird man als frischgebackener Absolvent lieber in den Winterschlaf als in den Bewerbungsmarathon starten.


Und das ist schade, denn genau diese Absolventen braucht der Arbeitsmarkt und genau diese Zielgruppe versucht das Personalmarketing vieler Unternehmen tagtäglich davon zu überzeugen, dass Arbeiten auch Spaß machen kann.


„Choose a job you love and you’ll never have to work a day in your life“
Natürlich ist der Berufseinstieg für jeden eine kritische Phase, die viel Anpassung verlangt. Sei es durch einen Umzug in eine neue Stadt, das regelmäßige Aufstehen um 6 Uhr morgens, Auseinandersetzungen mit den Kollegen und durch den Druck, gute Arbeit abzuliefern, um den Lebensunterhalt weiter zu sichern. Das, was viele Panik-Artikel unserer Generation dabei vergessen ist: Man hat eine Wahl.


Und genau um diese Wahl dreht sich doch im Endeffekt das Ziel des Personalmarketings: Deutlich machen, dass man die richtige Wahl ist und das man Berufseinsteigern a) die Möglichkeit zur Entfaltung und b) die notwendige Unterstützung zukommen lässt.


Die Grundlage für die „richtige“ Berufswahl liegt in umfassenden Wissen – über sich selbst und den Arbeitsmarkt. Denn, was viele Absolventen vergessen, auch als Unternehmen hat man nichts davon, wenn ein Mitarbeiter im falschen Job feststeckt. Wer etwas gerne tut, wird langfristig motivierter sein und auch qualitativ hochwertigere Ergebnisse produzieren. Die im SPIEGEL proklamierte „Zwangsangepasstheit“ ist dabei kein Muss und längst nicht überall Realität, in Zeiten der Diversity ist schon längst in vielen Personalabteilungen angekommen, dass die Individualität der einzelnen Mitarbeiter die Effizienz des Teams steigern kann.


Die Angst, wie viele Baby Boomer einfach nur Tag für Tag „abzuarbeiten“, sitzt tief. Erfolgreiches Personalmarketing muss also auch Spaß vermitteln können und das nicht nur im Sinne von „Wir machen Fotos von der Weihnachtsfeier“. Spaß am Job, am Berufsbild, am Arbeiten im Unternehmen. Denn nicht nur die Monotonie macht Absolventen Sorgen, mindestens genauso groß ist die Unsicherheit in Anbetracht der Möglichkeiten. Nur wenige kennen ihn, ihren Traumjob. Recrutainment hat deswegen aus gutem Grund das Jahr der Berufsorientierung ausgerufen. Wir können uns nur anschließen, dass diesem Punkt bisher zu wenig Bedeutung geschenkt wird und noch mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden muss.


Mit Ausbildung.de haben wir am eigenen Leib erfahren, dass Schüler vollkommen unterinformiert sind, wenn es um ihre Chancen und Möglichkeiten geht. Allzu viele Berufe sind unbekannt, obwohl sie vielleicht wie die Faust aufs Auge passen würden. Es ist utopisch anzunehmen, dass es bei unseren Hochschulabsolventen viel besser aussieht. Da ist der Wunschberuf schnell „irgendwas mit Medien“, ohne auch nur ansatzweise zu begreifen, wie viel verschiedene Berufsbilder die Medienbranche wirklich bietet. Der Blick in die Flut an Stellenangeboten mit zahlreichen „fancy“ klingenden Bezeichnungen hilft dabei leider nicht und die eigenen Eltern und Freunde wissen meist auch nicht, was ein „Data Scientist“ so tagtäglich treibt.


Ein Ausweg aus diesem Dilemma sind natürlich Praktika und Werkstudententätigkeiten – wenn sie wirklich Einblicke ins Arbeitsleben geben und nicht nur zum Barista qualifizieren. Wir müssen es also schaffen, dass Absolventen (mit und ohne Praktika) alle notwendigen Informationen haben, um sich selbst vier fundamentale Fragen zu beantworten:


1. Was kann ich mit meinem Abschluss machen?
2. Was will ich mit meinem Abschluss machen?
3. Wie möchte ich arbeiten?
4. Welche Unternehmen können mein Was und Wie erfüllen?


Hier sind zum einen natürlich die Studenten selbst gefragt, aber auch Hochschulen und Unternehmen sind in der Pflicht, die Berufsorientierung für alle ein wenig einfacher zu machen.


Um Kompromisse zu machen, muss man beide Seiten kennen
Transparenz ist die wichtigste Zutat bei der Berufsorientierung. Wenn ich mich als Absolvent für eine Stelle bei Ihrem Unternehmen bewerbe, dann ist für mich nicht nur wichtig, was für Aufgaben mich erwarten, sondern auch: Wie ist die Arbeitsatmosphäre? Wie sind die Arbeitszeiten – flexibel, genau festgelegt oder häufig mit Überstunden gespickt? Wie kann ich mich in diesem Berufsfeld weiterentwickeln? Wer sind meine Kollegen?


Gerade Letzteres darf nicht unterschätzt werden. Als meinpraktikum.de noch in den Kinderschuhen steckte, haben wir ein (relativ amateurhaftes) Video über die „Macher der Seite“ veröffentlicht – und wir werden heute noch in vielen Vorstellungsgesprächen positiv darauf angesprochen, dass man so ja schon wusste, mit wem man es zu tun hat. Im Idealfall führt umfassende Information dazu, dass sich nur noch „die richtigen“ Bewerber für die ausgeschriebene Stelle interessieren.


Natürlich ist man als HR-Manager nicht dafür verantwortlich, jedem Studenten persönlich dabei zu helfen, seine berufliche Bestimmung zu finden. Es kann aber auf keinen Fall schaden, ein offenes Ohr für diese Problematik zu haben und in seiner Personalmarketing-Strategie zu berücksichtigen.


Es ist dabei selbstverständlich, dass das Arbeitsleben kein Wunschkonzert ist. Es geht einfach um das Schaffen klarer Erwartungshaltungen. Wenn man weiß, auf welche Dinge es zu verzichten gilt, kann man einen Kompromiss viel bewusster eingehen. Wer weiß, dass er Überstunden gegen ein außerordentliches Gehalt tauscht, wird sich im Nachhinein weniger über die Arbeitszeiten beschweren. Und wenn ich mir sicher bin, dass ich in diesem Beruf genau das machen kann, was ich gerne tue, dann werde ich auch darüber hinwegkommen, dass die meisten meiner Kollegen 10 Jahre älter sind als ich. (Vor allem, weil es auch sehr viele nette ältere Kollegen gibt, und es sich nicht immer wie „Urlaub bei den Eltern“ anfühlen muss.) Ausreichend Transparenz ist für Absolventen die Grundlage für das Abwägen der eigenen Prioritäten.


Wir sind nicht alle Peter Pan
Wie in vielen Dingen ist es auch beim Berufseinstieg sinnlos zu verallgemeinern. Es gibt sie ohne Zweifel, die Studenten, die am liebsten bis 11 Uhr schlafen, dann eine Vorlesung besuchen und den Rest des Tages mit Freizeit verbringen. In Zeiten der Modulpflicht und Creditpoints von Bachelor und Master dürfte die Prozentzahl solcher Müßiggänger aber weit zurückgegangen sein. Die jetzige Studentengeneration ist sich den steigenden Anforderungen des Arbeitsmarkts nur allzu bewusst und fängt schon vor dem Abschluss an mit Praktika und Nebenjobs zu erforschen, was das Berufsleben später für sie bereithalten könnte. Viele sind nach 10 Semestern auch einfach dem Hörsaal überdrüssig und freuen sich darauf, endlich Geld zu verdienen und praktische Projekte in die Tat umzusetzen.


Im Endeffekt ist es auch gar nicht das „Erwachsenwerden“ und das Anpassen, das die meiste Unzufriedenheit hervorruft, sondern einfach die falsche Berufswahl oder das falsche Unternehmen. Lasst uns 2014 nicht nur zum Jahr der Berufsorientierung machen, sondern vor allem auch zu einem Jahr der ehrlichen und transparenten Einblicke.


Bildquelle: marvinh; thinkstock