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Sehr geehrtes Bewerbungsformular

15. Juli 2015 -
Sehr geehrtes Bewerbungsformular

Bewerber sprühen über vor Kreativität. Da werden interaktive Websites zum Durchscrollen und Hüpfen gebaut, Cornflakes-Schachteln mit Lebensläufen versehen oder gleich Adwords-Anzeigen auf den Namen des Personalersgeschaltet. Aber ist das überhaupt gewollt? Die Gegenbewegung zur kreativen Bewerbung heißt Bewerbungsformular und setzt eher auf auffallend seriös statt unseriös auffallen.


Wir scheinen in verschiedenen Bewerbungswelten zu existieren. Das Personalmarketing verspricht Authentizität, Transparenz und vor allem Emotionalität. Bewerber werden dazu ermuntert, Persönlichkeit zu zeigen und sich einzubringen. Die Diskrepanz zwischen Bildern fröhlicher zukünftiger Kollegen und dem Ausfüllen eines nüchtern gestalteten Online-Formulars könnte jedoch größer nicht sein.


Die Bürokratie erstickt jeden Funken Persönlichkeit im Keim, immerhin ist hier Vollständigkeit gefragt. Den eigenen Lebensweg mit Dropdown-Menüs und Vorlagen zu beschreiben, fällt schwer. Hier gewinnt, wer klotzt – Kleckern unerwünscht. Schön kurz, lautet die Devise der beschränkten Zeichenzahl der Freitextfelder, am besten noch mit Stichworten garniert, nach denen der Personaler suchen könnte. Natürlich alles so schnell wie möglich, denn sonst lauert das Session Time Out.


Was bleibt, ist die Unsicherheit des Bewerbers. Trotz Formular eine kreative Bewerbung einzusenden, ist ein hohes Risiko – sie braucht viel Zeit und Ressourcen und niemand möchte sich vorstellen, dass das mit Liebe Gebastelte einfach im Müll landet – oder im Endeffekt doch nur auf die Zahlen geschaut wird.


Kreativität kostet Zeit
Ich höre ihn schon, den Aufschrei in den Reihen der Personalverantwortlichen. Natürlich freuen Sie sich über tolle Ideen und schön gestaltete Layouts, aber schlussendlich kostet es doch vor allem Zeit, hunderte Bewerbungen genau unter die Lupe zu nehmen. Ein bunter Streifen auf dem Lebenslauf oder eine pinke Bewerbungsmappe helfen leider nicht weiter, die geeigneten Personen zu finden. Recht haben Sie. Wie so oft stehen wir hier vor einem Problem, das einen Kompromiss zwischen wirtschaftlicher und emotionaler Notwendigkeit braucht. Wir brauchen kreative Bewerbungen, die die Entscheidung leichter machen, nicht aufwendiger.


Die Frage ist: Wie können wir Bewerbern vermitteln, wann eine kreative Bewerbung sinnvoll ist und wann man sich lieber auf den gut ausgeführten Klassiker verlassen sollte? Sätze auf Websites wie „Sie sollten kreativ und ideenreich sein“ reichen nicht aus. Gerade Berufseinsteigern fällt es schwer, ein Gefühl für „was ist erlaubt“ und „was kann ich wagen“ zu entwickeln.
Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: Auf unserem Instagram-Channel für Ausbildung.de haben wir Kinderfotos von Teammitgliedern nachgestellt und auf den Team-Seiten unserer Portale humoristische Zusammenfassungen über Eigenschaften unserer Mitarbeiter gegeben. Vor einiger Zeit bekamen wir eine Bewerbung, die neben Lebenslauf und Anschreiben noch eine Zusatzseite mit Kinderfoto samt Beschreibungstext enthielt, der stilistisch komplett auf unsere Team-Seite angepasst war. Wir waren begeistert! Dem Bewerber fiel hörbar ein Stein vom Herzen, als wir ihn am Telefon zum Gespräch einluden. „Ich war mir ja nicht sicher, ob das gut ankommt oder ihr das lächerlich findet.“


Der Bewerbungsprozess muss transparenter werden
Wenn man sich mal die Suchanfragen bei Google zu Stichworten „Bewerbung Muster“ und „Bewerbung Vorlage“ anschaut, wird einem schnell bewusst, dass es anscheinend weder in der Schule noch in der Universität ausreichend Hilfestellungen gibt. Niemand fühlt sich für die Bewerbung verantwortlich, sie gehört nicht zum Fachwissen des Studiengangs und auch nicht zum späteren Arbeitsalltag. Also wenden sich Berufseinsteiger an das Internet, das sie einerseits mit kreativen Meisterwerken und andererseits mit 08/15-Standardvorlagen konfrontiert.


Sicherlich, es gibt die Bewerber, die ihre Zielgruppe einschätzen können, und die genügend Selbstvertrauen mitbringen, aus der Masse hervorzustechen. Um diese Talente müssen wir uns keine Sorgen machen, sie werden sich so oder so hervorragend bewerben und einen guten Job bekommen. Wir wissen aber nicht, wie viele geeignete Bewerber uns „durch die Lappen gehen“, weil die Bewerbung aus Unsicherheit eher „Standard“ geworden ist.


Dies ist also ein Plädoyer für offenere Kommunikation. Warum auf der Facebook-Karriereseite nicht mal deutlich machen, was für Bewerbungen gut ankommen? Man könnte auch Tipps und Hinweise für das Ausfüllen des Online-Formulars geben, die über trockene Q&As hinausgehen z.B. durch eine Videotour. Was haben wir durch diese Informationen schon zu verlieren – können wir dadurch nicht vielleicht eher noch passende Nachwuchskräfte gewinnen? Wir müssen Bewerbern klar machen, dass kreativ nicht nur „bunte Farben“ bedeutet, sondern Struktur und überzeugender Inhalt (der gerne auch persönlich und auf Ihre Unternehmenskultur abgestimmt sein darf). Das geht aber nur, wenn wir in einen Dialog mit Bewerbern treten. Wenn wir es nicht tun, tut es niemand.


Bildquelle: thinkstock; Sergey Nivens